Am schwarzen Brett in der Evangelischen Kindertageseinrichtung und Familienzentrum „Lutherknirpse“ hängt ein Info- und Entschuldigungsbrief an die Eltern. „Wir müssen uns entschuldigen, wenn die Kinder auf der Suche nach Fairen Logos auf den Anziehsachen den Kleiderschrank durchwühlt haben“, schreibt die Einrichtungsleiterin Diana Walter an alle, die zu Hause verblüfft einen üppigen Kleiderhaufen vorgefunden haben. „Der Arbeitsauftrag wurde sehr ernst genommen. Aber irgendwie auch schön.“

Die Maxikinder haben sich nämlich intensiv mit den Logos des Fairen Handels beschäftigt. Sie erkennen jetzt den kleinen Frosch der Rainforest Alliance, das GEPA-Zeichen und das Biosiegel wieder. Ihr Weg zum Fairtrade Diplom führte die angehenden Experten und Expertinnen in einen Bioladen. Sie haben Produkte verglichen, Siegel gefunden und lernen täglich etwas über bewussteres Einkaufsverhalten, Fairen Handel und ein möglichst nachhaltiges Leben in der globalisierten Welt dazu. Natürlich machen sie auch vor dem heimischen Kleiderschrank nicht Halt, da müssen die Eltern jetzt durch. Diana Walter freut sich über den Eifer der Kinder, deren Gerechtigkeitssinn man nur ein bisschen anstupsen muss, damit er faire Früchte trägt. 

„Da müssen alle mitmachen“, sagt sie, „nicht nur das Kita-Team und die Kinder, auch die Eltern und der Träger.“ Das Evangelische Bildungswerk Duisburg als Träger unterstützt die Duisserner Lutherknirpse auf ihrem Weg zur Fairen Kita. „Die sind unseren Wünschen gegenüber aufgeschlossen und haben noch nie gesagt: Was wollen sie denn jetzt schon wieder?“, überlegt Walter zufrieden. Nach wertfreien Spiel- und Bastelmaterialien sucht sie im ganzen Kirchenkreis. Es ist immer Bedarf an richtig Starken zum Bauen im großen Außenbereich und an Fehldrucken zum Malen. Die Pappbecher, mit denen die Kleinen drinnen gerne Pyramiden stapeln, halten schon eine ganze Weile. Dabei dachte Walter, sie würden ganz schnell zerdrückt werden, aber die Kinder gehen erstaunlich achtsam damit um.

Auch auf Materialschlachten zu Kindergeburtstagen verzichten die Lutherknirpse ganz bewusst. Wenn das Geburtstagskind es möchte, darf es in der Einrichtung einen Kuchen backen. Und aussuchen, ob es eine Bilderbuchbetrachtung möchte oder lieber ein Bewegungsangebot. Kleine Geschenke gibt es aus dem „Eine Welt Laden“. Das Kinderparlament der Einrichtung hat Mitspracherecht beim Essensangebot und anderen Entscheidungen, die die Kinder direkt betreffen. Streitschlichtung klappt mithilfe des Streiteppichs, auf dem man sich von beiden Seiten über mehrere Stationen vom „Was ist passiert?“ über das „Wie fühle ich mich?“ zum „Wie fühlt sich der Andere?“ und dem „Was wünsche ich mir?“ aneinander annähern kann. Die Kleidertauschbörse schafft Verständnis für den achtsamen Umgang mit kostbaren Rohstoffen. Jeden Monat fließen 39 Euro vom Freundeskreis-Konto der Einrichtung an ein Patenkind der Kindernothilfe.

So wird das Zusammenleben in der globalisierten Welt für die Kinder erlebbar und bekommt ein konkretes Gesicht. „Die Kinder haben ein feines Gespür dafür, wie ernst die Großen selber das nehmen, was sie den Kleinen vermitteln wollen“, weiß Diana Walter. Dafür muss sich das Team schon ordentlich ins Zeug legen, Wasser sparen, Müll vermeiden, Beete bepflanzen und sich auch mal selber infrage stellen. „Zum Glück ziehen wir hier alle an einem Strang“, sagt die engagierte Kitaleiterin, „und die Eltern haben wir inzwischen auch angesteckt.“

Text: Sabine Merkelt-Rahm

Bild: Bartosz Galus

Im Außengelände des Duisserner Kindergartens neben der Lutherkirche springt laut der Kantenschneider an. Vor der großen Feier „70 Jahre Lutherknirpse“ wird der Garten hübsch gemacht. Die Einrichtungsleiterin Diana Walter bittet die emsigen Gärtner um Schonung für die üppig blühende Insektenwiese. „Bitte nicht unser Bienenfutter abmähen“, sagt sie. Sie genießt selber kurz das Summen und Brummen vor dem großen Insektenhaus inmitten von Kapuzinerkresse, Sonnenblumen und Kamille. „Das ist doch ein Träumchen hier“, sagt sie und strahlt. Im Naschgarten nebenan sind die Zuckerschoten und die Erdbeeren schon aufgefuttert. „Leider hat es uns dieses Jahr die Kartoffelernte verregnet, letztes Jahr haben wir da mit den Kindern leckere Chips draus gemacht“ bedauert sie.

Walter leitet die Einrichtung in der Trägerschaft des Evangelischen Bildungswerkes erst seit drei Jahren. In der Zeit ist viel passiert. Die 70 Kinder werden von den 13 Fachkräften nicht mehr in festen Gruppen betreut, wie früher. Mit dem offenen Konzept haben Funktionsräume die einstigen Gruppenräume abgelöst. Forscherraum, Rollenspielraum, Kreativwerkstatt und Bibliothekszimmer lassen den Kindern mehr Entscheidungsfreiheit darüber, was sie als Nächstes tun und entdecken wollen und stärken das soziale Miteinander. Ein Lutherknirps hat gerade eine brennende Frage. „Was machen die Männer da auf der Wiese?“, will er von Walter wissen. Die ermutigt seinen Forschergeist. „Geh mal rüber und frage ganz genau nach, was die da tun und warum.“ Schon ist der kleine Entdecker unterwegs, um ein paar Löcher in die Gärtnerbäuche zu fragen. „Zieh die Strümpfe auch aus, barfuß ist doch viel schöner“, schlägt Diana Walter einer Kleinen vor, die sich auf panierten Socken dem Matschbächlein nähert, das um den Kletterhügel plätschert.

Das neue Konzept gewährt den Kindern viel Bewegungsfreiheit, erwartet aber auch vom Team der Lutherknirpse eine hohe Flexibilität. Mit dem Walkie-Talkie verständigen sich die Mitarbeitenden im Garten und der Cafeteria gegenseitig darüber, ob auch alle Knirpse aus dem Außenbereich zum Mittagessen eingeladen worden sind. Jedes Kind, das schon gegessen hat, lädt ein anderes ein, seinen Platz am Tisch einzunehmen.

„In unserem bunten Team ziehen zum Glück alle super mit“, sagt Diana Walter. Anders wäre die Zertifizierung zur fairen Kita, das offene Konzept, die Aufgaben als Familienzentrum, die Kleidertauschbörse, das Elterncafé und das Kinderparlament nicht zu schaffen. Tablets haben inzwischen die alten Gruppenbücher abgelöst. Die Kinder werden morgens an dem zentralen Rezeptionstisch mit der bunten Fahrradklingel empfangen, wo auch das Schwarze Brett mit den Elternnachrichten hängt. Erst danach ziehen sie sich ohne Eltern in ihrem eigenen Tempo aus. „Das entzerrt schon manches“, weiß die erfahrene Einrichtungsleitung. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob man sich ausziehen muss, weil Papa es eilig hat, oder sich ausziehen will, weil die Verkleidungsecke im Rollenspielraum lockt.

Die Lutherknirpse wünschen sich einen ganz großen Spiegel für den Bewegungsraum. Dafür versteigern sie am 2. September auf dem Fest ein selbstgemaltes Gemeinschaftswerk aus ihrem Hundertwasser-Workshop. Wer sich die Tombola, die Versteigerung und den Film „Ein Tag im Leben der Lutherknirpse“ nicht entgehen lassen will, der sollte am Samstag, dem 2. September, zwischen 10 und 14 Uhr, bei den Lutherknirpsen in der Duisserner Martinstraße vorbeischauen.

 

Sabine Merkelt-Rahm